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Montag, 25. März 2013

Unser Glück

Unser Glück - Photo by Ziege

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als 14 jähriger Junge mit meiner Mutter zu Tisch saß und mit ihr über das Leben philosophierte. Wir führten einen regen Disput. Angestachelt von ihrem Lächeln, fuhr ich mich fest, in einer leichtfertig geäußerten Behauptung. Ich war zu der Überzeugung gekommen, dass die menschliche Existenz in Anbetracht zu den sonstigen Schöpfungen der Natur, keinen Sinn besäße. Jedes Tier auf unserer Welt diente in meinen Augen einem ganz bestimmten Zweck, um zu einem großen Ganzen beizutragen. Nur der Mensch war in seinem Wesen sinnlos für die Natur, diente grundlegend keinem Zweck und zerstörte mehr und mehr den Lebensraum der anderen Erdbewohner. Nichtmal vor der eigenen Gattung machte der Mensch halt. Das ergab für mich keinen Sinn und ich versuchte meine Mutter davon zu überzeugen, dass jegliches menschliches Leben sinnlos und schädlich für den Fortbestand der Erde sei.

Meine Mutter hörte mir über eine Stunde lang geduldig zu und lächelte. Ich hasste dieses lächeln. Es gab mir immer das Gefühl nicht ernst genommen zu werden und mehr und mehr Argumente vorbringen zu müssen. Ich wollte sie doch überzeugen. Doch sie lächelte immer weiter. Am Ende meiner Rede stellte sie mir nur eine Frage. "Was würdest du also vorschlagen?" Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. Schnell versuchte ich irgend eine Lösung für das Problem zu finden, doch es viel mir nichts ein, außer die gesamte Menschheit auszulöschen. Also schlug ich eben das vor. Meine Mutter lachte und unser Gespräch war beendet.

Heute, mehr als ein Jahrzehnt später, blicke ich zwar durch die selben Augen, aber mit einer anderen Perspektive auf die Welt. Ich bin wirklich dankbar für dieses Leben geworden, für die endlosen schönen Augenblicke die ich erfahrend durfte, als Vater, als Bruder und als Freund. Ich muss keine Sorge haben überfallen zu werden, sitze im warmen und habe die freie Wahl wohin ich gehen möchte. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen meine Meinung nicht frei äußern zu können, muss nicht stehlen um zu überleben und kann beruhigt einschlafen. Meine Tochter darf in einem befriedeten Land aufwachsen, wird eine Schule besuchen dürfen und einmal frei auswählen welchem Beruf sie nachgeht oder welcher Religion sie angehören möchte. Wir brauchen uns eigentlich um nichts Sorgen zu machen und dennoch war ich damals nicht zufrieden. Nicht weil ich von all dem Guten um uns herum nichts erfahren hatte oder wusste, sondern weil genau dieses Bewusstsein vieles um mich herum so unbegreiflich macht.
Ich konnte einfach nicht verstehen, wie Menschen die in einer solch wunderbaren Welt aufwachsen durften, so ignorant sein konnten. Wie Menschen andere Menschen hassen können. Warum Menschen andere Menschen ausgrenzen. Wie Menschen das Leid und den Hunger ignorieren können. Das Völker einander aufgrund ihrer Herkunft verurteilen und bekriegen und sich dann noch anmaßen, im Namen Gottes zu handeln, wobei ein jeder Gott doch Nächstenliebe fordert. Ich sah keinen Sinn mehr in diesem sinnlosen Morden und der wahnsinnig habgierigen Haltung der Menschheit. Ich sah keinen Sinn in meiner Umwelt und damit auch keinen Sinn mehr in ihrer Existenz.

Über die Jahre lernte ich immer mehr von dem Leid auf der Welt kennen. Ich besuchte soziale Einrichtungen in Bosnien und lernte die Auswirkungen und die Opfer des Bürgerkriegs kennen. Ich sah Orte an denen Massen für deren Religionszugehörigkeit hingerichtet wurden und sah das Leid direkt vor meinen Augen. Das war neu für mich, denn ich kannte größtenteils nur diese surrealen Bilder aus den Medien. Nun spürte ich es hautnah. Die Angst und die Verzweiflung in den Menschen.

Ich werde wohl nie vergessen, wie wir damals in Bosnien eine Einrichtung für verwitwete Frauen besuchten. Die Tage in Bosnien hatten meinen Blick getrübt. Ich war darauf vorbereitet erneut Leid und Elend zu sehen und versuchte dementsprechend meine Erwartungen zu regulieren. Doch als wir an dem bunkerähnlichen Haus ankamen, erfuhr ich genau das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte. Sie weinten nicht, sie lachten. Sie verzweifelten nicht, sondern hielten stark ihre Kinder. Sie flehten nicht, sondern luden uns ein. Erst fühlte ich mich schlecht, ihre aufwendig hergerichteten Speisen anzunehmen, doch sie sagten es würde sie kränken wenn wir nicht essen würden. Wir aßen gemeinsam und unterhielten uns über alles mögliche, wir lachten und tranken, sodass es mir eher wie ein Besuch bei alten Freunden vorkam. Sie nahmen uns auf und erzählten ihre Geschichte, begierig darauf unsere Geschichte zu erfahren. Sie wurden zu Freunden, die ich in diesem Elend nie erwartet hätte. Es war so herzlich, so liebevoll, so bedingungslos.

Diese Erfahrung war es, die meine Perspektive änderte. Ich versuchte von nun an bewusster zu leben. Die Erlebnisse um mich herum aufzusaugen und dankbar zu sein für mein Glück, meine Familie, unseren Wohlstand und mein Leben. Es ging nicht darum auf alles zu verzichten, seinen Wohlstand zu leugnen oder eine künstliche Armut und Demut herzustellen. Es ging nicht darum zu verstehen, wer mir einen Sinn gab oder warum die Menschen so handeln wie sie es taten. Es ging darum sich selbst einen Sinn zu geben, um den Vertrauten und der Umwelt etwas von dem uns zuteil gewordenen Glück ab zu geben. Ich war nie sonderlich reich, aber ich musste auch nie in Armut leben. Also warum sollte ich nicht etwas abgeben. Etwas zu essen, etwas zu spielen oder vielleicht auch einfach nur ein offenes Ohr. Sein Leben in die Hand zu nehmen, sich seinen Verantwortungen zu stellen und die Welt nicht nur zu bewohnen, sondern zu formen. Orientiert am Glauben und in Rücksicht auf das Leben und seine Vielfalt. Das war es worauf es in meinen Augen ankam. Es gelang mir nicht immer, aber wir lernen doch jeden Tag aufs neue.

 
Das Glück liegt in unserer Hand. Es ist an uns es zu nehmen, es zu schätzen und es zu geben

Vor wenigen Tagen saß ich in einem Café, um genau diese Gedanken aufzuschreiben. Ich hatte Kopfhörer auf und wollte mit etwas Musik die Umgebung ausblenden. Ich mag es, wenn ich zwar die Menschen beobachten kann, aber die Geräusche mich nicht in meinen Gedanken belästigen. Doch diesmal schien es nicht zu funktionieren. Etwas störte meine Gedanken und ich nahm meine Kopfhörer ab. Es waren zwei junge Männer mir gegenüber, die sich lauthals unterhielten. Oder besser gesagt sprach der eine und der andere nickte geduldig. Er sprach sehr laut und schien damit schon die Aufmerksamkeit aller anderen umliegenden Gäste auf sich gezogen zu haben. Nachdem es nicht schwer war ihn zu überhören und er sich genau meinem Thema angenommen hatte, lauschte ich ein wenig. Es ging viel um seine kritische Haltung zu unserer Außenpolitik, seinem Verständnis von Religion, seiner Ansicht von Toleranz und Wertschätzung anderer und gleichzeitig um die Ausweisung straffälliger Migranten aus Deutschland. Überhaupt waren mir das zu viele tiefgründige Themen, die er in den kurzen Moment meiner Aufmerksamkeit packte. Aber bei alle diesen Worten viel mir gerade eins auf. Er saß mit seinem stummen Freund vor einem Kamin, schlürfte seinen heißen Kaffee und sprach über die Probleme auf dieser Welt. Doch von Dankbarkeit sprach er nicht.

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen. Gier, Hass und Unwissenheit lassen die Menschen nicht erkennen welches Wunder unsere bloße Existenz darstellt. Durch liebe und Mitgefühl können wir unser und das leben der anderen verbessern und das Glück in uns selbst finden und nicht im materiellen Wohlstand. Buddha sagte "ein bisschen mehr geben als das Recht verlangt, ein bisschen weniger nehmen als das Recht gestattet."

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  2. schöner text :)
    und schöner blog

    lena
    http://staytruetoyour.blogspot.com

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