Subscribe:

Ads 468x60px

Dienstag, 9. April 2013

Und doch werfen wir es weg

Und doch werfen wir es weg - Photo by Ziege

Mir ist wahnsinnig schlecht. Aber ausnahmsweise nicht, weil ich etwas schlimmes erfahren habe, sondern weil ich einen wahnsinnig schönen Tag hatte. Wir, die Ente und die Ziege, haben uns mit einigen Freunden zu einem etwas verspäteten Osterbrunch getroffen. Ich glaube ich muss nicht viel dazu sagen. Es war viel, es war gut und wir müssen uns wohl morgen noch einmal treffen um die Reste zu verwerten. Ich glaube, wir haben so im Nachhinein betrachtet, noch nicht mal die Hälfte von dem was wir gekauft haben, wirklich gegessen. Zu gierig war unser Blick, als wir gestern gemeinsam durch die Supermarktregale zogen, um unser Brunch mit ausreichend Lebensmitteln auszustatten. Aber was soll's, haben wir uns gedacht. Wir können ja alles auch noch anschließend verwerten. Und irgendjemand freut sich doch immer wenn der Kühlschrank voller wird.

Die Gier. Seit jeher ist Sie eine der Sünden, vor der wir gewarnt werden und dennoch lassen wir uns jeden Tag auf's neue verführen. In diesen typischen smalltalk Situationen, älterer Generationen, hört man dann: "Wir waren ja nicht so" oder "Es wird ja immer schlimmer". Aber ist das wirklich so? Der Begriff Gaumenkitzler, der ja jedermann bekannt sein sollte, kommt aus dem alten Rom und bezeichnet eine Gänsefeder, die man zum Essen reichte. Sinn dieses Instruments war es, sich nach dem Genuss des Festmahls damit selbst zum Erbrechen zu bringen, um anschließen weiter fressen zu können. Ich weiß ja nicht wie es bei den Leuten, die so wagemutige Behauptungen generieren, in der Küchenschublade aussieht, aber ich besitze einen solchen Gaumenkitzler nicht.

Und dennoch muss ich sie in einem Punkt bekräftigen. Wir werden mehr und mehr zu einer Wegwerfgesellschaft. Wir konsumieren immerzu, obwohl wir es womöglich nicht mal brauchen, nur um unsere Gier zu stillen. Wenn etwas nicht mehr funktioniert, wird es kaum mehr repariert, sondern es landet in der Mülltonne, oftmals noch auf dem Weg zum nächsten Elektromarkt. Nicht mal die Hersteller selbst reparieren noch die eingetroffenen Reklamationen. Und dieses Phänomen zieht sich durch alle Produktebenen. Derweil ist es doch gerade die herausragende Reife einer Weintraube, die sie zu einem Qualitätswein macht. Und der Käse der sich dem Verfall nähert, wird bekanntlich aromatischer und nicht schlechter. Ob es alte Kameras sind, antike Möbelstücke, seltene Musikinstrumente oder Oldtimer, sie alle wären nicht so kostbar für uns, wenn da nicht jemand gewesen wäre der sie repariert und für uns erhalten hätte. Doch wir werfen trotz dieser Erkenntnis weiter weg, nicht nur Gegenstände, sondern auch Werte, Ideale und Freunde. Selbst vor unserem eigenen Leben und der Liebe gibt es keinen Einhalt.

Anstatt aus den Fehlern zu lernen und sie zu beheben, in einem Produkt, in einer Beziehung, in einem System, tauschen wir aus. Wir Leben keinen Fortschritt, sondern wir stagnieren im Konsum und vergessen, dass es manchmal gerade die Fehler an einem Menschen sind, die ihn für uns so liebenswürdig gemacht haben. Wir werfen von heute auf morgen alles weg, um dann an einem Neuen, erneut zu scheitern. Ich mag nicht zu idealistisch klingen, sicherlich gibt es Momente in denen es nichts mehr zu retten gibt. Aber mal ganz ehrlich, meist geben wir weit vorher auf und fragen kaum mehr nach, ob dieser Punkt denn überhaupt schon erreicht sei. Eher zeigen wir uns selbst vermeintliche Indikatoren dafür auf, warum etwas nicht mehr Wert genug ist und stellen viel zu spät fest was wir verworfen haben. Das ist alltäglicher Selbstbetrug, dem wir uns wie es scheint gerne hingeben und den wir zu oft bitterlich bereuen. Doch Selbstbetrug ist natürlich die einfachste Lösung.

Ich für meinen Teil würde mich als guten Konsumenten bezeichnen. Mir nahestehende Menschen würden jetzt wohl lächelnd zustimmen, aber wem soll ich etwas vor machen. Ich schätze neue Sachen, auf die ich mich freuen und die Verpackung herunter reißen kann, gleichsam wie über einen Flohmarkt zu streifen und die einstigen Schätze anderer zu betrachten oder zu erstehen. Ich probiere gerne neues und ich erhalte mir bewährtes. So wie Beziehungen zu den mir vertrauten Menschen. Ich habe wahnsinnig tolle Menschen in meinem Leben kennen lernen dürfen. Einige haben mich nur für eine kurze Zeit begleitet, andere begleiten mich noch heute und wieder andere habe ich durch mein eigenes Fehlverhalten verlieren müssen. Und so habe auch ich Menschen in meinem Leben versucht zu ersetzen, sei es darum weil sie mir schadeten oder weil ich ihnen Schaden zugefügt hatte. Ich fühlte mich alleine und versuchte neue Wege zu beschreiten. Doch Menschen wie die, die ich verloren hatte, fand ich nicht wieder. Ganz im Gegenteil, erst jetzt wo die mir vertrauten weg waren, erfuhr ich was sie mir wirklich bedeuteten. Erst dann erkannte ich oft die Eigenschaften an ihnen, die sie für mich so liebenswürdig und kostbar gemacht hatten. Hinterher ist man wohl immer schlauer und so verteufelte ich oft die Tage, an denen ich aufgab, an diese Menschen zu glauben.

Auch heute habe ich einen Menschen, für den ich meinen Glauben jeden Tag aufs neue prüfe. Es vergeht kaum ein Tag an dem ich mich nicht frage, wie es so weit kommen konnte, was wir falsch gemacht hatten und was ich vermisst hatte an diesem Menschen zu schätzen. Manchmal scheint es zu spät für diese Gedanken zu sein und manchmal wäge ich mich in einem Hoffnungsschimmer. Ob es ein zu spät wirklich gibt, weiß ich nicht. Ich glaube, wenn man etwas wirklich will, nicht nur aus einer Haltung der Gier, sondern aus Liebe, aus Erkenntnis, aus Reife oder auch einfach nur aus Einsicht, dann sollte es kein zu spät geben. Dann ist es Zeit diese Erkenntnisse zu teilen, sich wieder zu positionieren und zu leben. Ich habe die Vollkommenheit dieser Bindung erst im Verlust erkennen dürfen. Das Loslassen war es, das mir dass unersetzliche aufzeigte. Ich hatte etwas wieder gefunden, was ich lange ersehnte und immerzu suchte. Wie konnte es also falsch sein es wieder aufzugreifen, wenn es doch den Verlust von etwas altem brauchte, um das neue und vollkommene zu erkennen.
 

Aus jedem Verlust, erblüht verborgen das Neue

Kommentare:

  1. sehr gut beschrieben... und nochwas, ich besitze keinen gaumenkitzler ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da bin ich aber beruhigt!!! :-) Danke an dieser Stelle für deine regelmäßigen Besuche und Vorschläge auf unserer Facebook Seite!

      Löschen
  2. Zu diesem Thema kommen mir jedem Menge Gedanken. Die Gier ist ja oft nur ein Signal dafür, dass etwas fehlt,... aber nie wirklich durch Essen, Sex, und allerlei anderen Dingen ersetzbar ist. Meisten ist es Nähe und Wertschätzung zum Partner, Freunden..eben zu den Menschen. Loslassen ohne weg-zustossen...ist schwerig aber wichtig. Dann zeigt sich was bleibt und was eben nur krampfhaft festgehalten wurde.
    Schönen Tag
    Lg
    Susi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Susi. Wir sind wahnsinnig froh über dein Kommentar. "Etwas loslassen, ohne es wegzustoßen" ist eine Erkenntnis die in diesem Post eigentlich noch aufgenommen werden sollte! Das zeigt mir wieder, wie sehr unser Blog doch von euren Kommentaren lebt. Danke für deine Bereicherung!!! :-)

      Löschen